Den 24. Februar 2022 wird Valeriia Macibora niemals vergessen. Es ist der Tag, an dem der Krieg in ihrer ukrainischen Heimat beginnt und ihr Leben von einem Moment auf den anderen verändert. Gemeinsam mit ihrem schwerkranken Sohn Dima flieht sie wenige Wochen später nach Deutschland. Heute, mehr als vier Jahre nach Kriegsbeginn, lebt die kleine Familie in Ingolstadt – und blickt auf einen Weg voller Herausforderungen, aber auch voller Hoffnung zurück.
Dmytro, von seiner Mutter liebevoll Dima genannt, wurde 2015 in Kiew geboren. Bereits kurz nach seiner Geburt musste er reanimiert werden. Wenige Monate später zeigten sich erste zerebrale Krampfanfälle. Die Ärzte diagnostizierten eine schwere geistige und motorische Entwicklungsverzögerung. Bis heute kann Dima nicht sprechen und benötigt umfassende Unterstützung im Alltag.
Als sein Sohn ein Jahr alt ist, verlässt Dimas Vater die Familie. Seitdem sind Mutter und Sohn auf sich allein gestellt. Vor Dimas Geburt arbeitete Valeriia als Polizistin in der Ukraine. Mit der Erkrankung ihres Sohnes veränderte sich ihr Leben grundlegend. Entlastungsangebote oder Betreuungsmöglichkeiten für Kinder mit schweren Behinderungen waren in ihrer Heimat kaum vorhanden. Einen Kindergarten oder eine Schule besuchte Dima deshalb nie.
Als der Krieg im Februar 2022 ausbricht, wird die Situation für die kleine Familie zunehmend unerträglich. Immer häufiger müssen Mutter und Sohn Schutz in Kellern suchen. Medikamente werden knapp, die Angst wächst von Tag zu Tag. Über Kiew schlagen Raketen ein, Menschen sterben. „Für mich war es wahnsinnig beängstigend, ohne ausreichend Medikamente und Essen für Dima im Keller zu sitzen“, erinnert sich Valeriia.
Im März 2022 trifft sie die schwerste Entscheidung ihres Lebens. Gemeinsam mit ihrem Sohn verlässt sie ihre Heimat. Ihr Stiefvater bringt die beiden nach Polen in ein Auffanglager. Für ihn selbst geht die Reise zurück nach Kiew, wo er bis heute gemeinsam mit Valeriias Mutter und ihrer Schwester lebt.
Im Auffanglager begegnet Valeriia einem ehrenamtlichen Helfer, der ihr anbietet, sie noch am selben Tag nach Deutschland zu bringen. Ohne zu wissen, was sie dort erwartet, steigt sie mit Dima, seinem Kinderwagen und einer Tasche voller Habseligkeiten in einen Kleinbus. Die Reise ist anstrengend. Dima kann aufgrund seiner Erkrankung nicht lange sitzen, deshalb hält seine Mutter ihn fast die gesamte Fahrt über auf dem Arm.
Mitten in der Nacht erreichen sie schließlich Ingolstadt. Am Ziel angekommen verspürt Valeriia vor allem eines: Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, in Sicherheit zu sein.
Heute, vier Jahre später, haben sich Mutter und Sohn in ihrer neuen Heimat eingelebt. Die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt hat der Familie eine barrierefreie Wohnung vermittelt und damit einen wichtigen Beitrag zu ihrem Neustart geleistet. Dima besucht die Schule Sankt Vinzenz in Ingolstadt und wird medizinisch umfassend versorgt.
Auch gesundheitlich hat er große Fortschritte gemacht. Als er nach Deutschland kam, war er stark untergewichtig. In der Kinderklinik Neuburg erhielt er eine PEG-Sonde, über die er heute ernährt wird. Stück für Stück konnte er an Gewicht zulegen und hat inzwischen ein gesundes Gewicht erreicht. Zudem wurde er erfolgreich an der Wirbelsäule operiert. Eine notwendige Hüftoperation steht weiterhin bevor.
Auch Valeriia hat sich Schritt für Schritt ein neues Leben aufgebaut. Die heute 34-Jährige hat ihren Deutschkurs erfolgreich abgeschlossen und spricht mittlerweile sehr gut Deutsch. Dennoch gestaltet sich die Jobsuche schwierig. Als alleinerziehende Mutter eines pflegebedürftigen Kindes ist sie auf flexible Arbeitszeiten angewiesen – eine Herausforderung auf dem Arbeitsmarkt.
Eine wichtige Unterstützung ist für die Familie seit ihrer Ankunft ELISA Familiennachsorge. Das Kinderpalliativteam begleitet Dimas medizinische Versorgung, die Offene Behindertenarbeit unterstützt bei sozialrechtlichen Fragen und bürokratischen Hürden.
„ELISA war unsere Rettung“, sagte Valeriia bereits vor einigen Jahren. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Trotz aller Fortschritte bleibt die Verbindung zur Ukraine stark. Valeriias Mutter, ihr Stiefvater und ihre Schwester leben weiterhin in Kiew. Noch immer verfolgt sie täglich die Nachrichten aus ihrer Heimat und sorgt sich um ihre Familie.
Am Weltflüchtlingstag erinnert ihre Geschichte daran, dass hinter jeder Flucht ein Mensch steht – mit Hoffnungen, Ängsten und dem Wunsch nach Sicherheit. Für Valeriia und Dima ist Ingolstadt zu einem zweiten Zuhause geworden. Was mit einer Flucht vor Krieg, Angst und Unsicherheit begann, ist heute eine Geschichte von Mut, Zusammenhalt und einem gelungenen Neuanfang. Und doch bleibt ein Teil ihres Herzens in der Ukraine – bei den Menschen, die sie zurücklassen musste, und bei der Heimat, die sie noch immer vermisst.







